Montag, 10. Mai 2010

Eine Atombome über unserem Auto am Altafjord


„Tina, setz dich doch mal zu mir!“, ruft mir ein älterer Herr von der Couch aus zu. Mit meiner Tasse Tee in der Hand, habe ich mich gegenüber von ihm gesetzt.
„Weißt du ich bin krank.“ Mit diesem einfachen Satz begann eine Unterhaltung, die ich nicht vergessen werde. Ein schizophrener Mann erklärt mir was Schizophrenie ist, wie diese sich auf ihn auswirkt und was er darüber denkt. Er erklärt und erläutert mir sein Krankheitsbild so sachlich und detailliert, wie ich es nicht erwartet hätte. Dieser Mann, der eine psychische Krankheit seit Kindertagen hat, konnte so abstrahiert und von sich erzählen, als wenn ein Psychologe mir gegenüber gesessen und von diesem Mann erzählt hätte. Nach über einer Stunde philosophieren und die Psyche des Menschen versuchen zu erklären, meinte er: „Schön, dass du dich gesetzt und mir zugehört hast.“ So etwas ist für mich selbstverständlich. Ich bin im Dagsenter/Møteplassen (Tageszentrum/Treffpunkt) zweimal wöchentlich, zum zuhören und erzählen. Diese Art Cafe mit Aktivitätsraum bietet jeden Tag Menschen, die in der Umgebung Betanies oder im Raum Alta wohnen, sich dort zu treffen. Es ist in der ersten Etage Betanias. Die Besucher sind alle sehr unterschiedlich, alle haben in ihrer Weise Leiden, oft psychische. Sie wohnen selbstständig und somit ist die Aufgabe vom Dagsenter, die Leute zu sozialisieren und für sie da zu sein. Das wichtigste dabei ist sich zu unterhalten. Mit dem Mann verbindet mich seit der Unterhaltung etwas und ich kann mich in seine unheilbare Situation in gewisser Weise hinein versetzen…
Schizophrenie, was ist das eigentlich? …Ein Mensch mit zwei Persönlichkeiten!, ist oft die einfache Antwort, welche wir irgendwann einmal aufgeschnappt haben. Doch ist dies sehr flach. Schizophrenie wird in sehr unterschiedliche Typen unterschieden, welche sich an den Symptomen orintieren. Es kann gesagt werden, dass die meisten Menschen, die an Schizophrenie leiden, Wahn und Halluzinationen haben, aber auch Störungen der Motorik oder der Emotionen können Symptome sein. Vor einer Woche bin ich zum Beispiel mit mehreren Bewohnern auf Tur (Tour) mit dem Auto gefahren. Bei einem Kaffepäuschen am Fjord schaut mein Beifahrer mit großen Augen in die Luft und meint: „det er en Atombomb!“/ ”da ist eine Atombombe!” Auf der Rückbank des Blå-Busses wurde es auch gleich hektisch und ein großes: „Wooooo?“ wurde gerufen. Ich schaute nach oben und musste schmunzeln. Ein großer, schwarzer Seeadler mit weißem Kopf hatte sich auf Jagd begeben. Ich habe erklärt, dass es ein Adler sei und alle waren beruhigt. Ein paar Minuten später war mein Beifahrer noch aufgeregter und meinte: „det er en store fly!“/ „da ist ein großes Flugzeug!“ Er liebt Flugzeuge und ich habe ihn diesmal nicht berichtigt. Es ist eine Welt, die vieles bunter macht und von unserer Realität abschweift.
Schizophrene Menschen durchleben gewisse Phasen, in denen z.Bsp Halluzinationen vermehrt auftreten. Starke Medikamente versuchen in diesen Situationen die Kranken in unsere Realität „zurück zu holen“. Es ist eine Krankheit die nicht angeboren ist. Bei den meisten Menschen bricht sie zwischen der Pubertät und dem 30igsten Lebensjahr aus. Durch Schlüsselerlebnisse, wie z.Bsp Krieg, kann Schizophrenie auch in der Kindheit ausbrechen. Die Ursachen des Ausbruchs sind nicht vollkommen erforscht, oft sind es jedoch genetische Veranlagungen.
Ich kann sagen, dass schizophrene Menschen unglaublich herzlich sind. Sie haben eine andere Welt, in die ich immer öfter mit eintauchen darf. Ich genieße die Arbeit im Dagsenter, aber auch in der Wohnabteilung „oben“, macht es mir immernoch Spaß. Mittlerweile habe ich regelmäßge Aktivitäten mit einigen Bewohnern, wobei ich von einer Bewohnern jeden Tag an das Schwimmen am Mittwoch erinnert werde...

Montag, 19. April 2010

Guiden, reiseführen durch Alta


Mitte März kam ein riesiges Kreuzfahrtschiff mit über 600 britischen Touristen, welche verschiedene Ausflüge rund um Alta gebucht hatten. Bernhard und Ich haben uns gemeldet, durch Alta zu führen. Es war eine sehr spannende und interessante Erfahrung. Ich möchte einige Sachen über Alta hier aufschreiben, die ich vor dem Guidekurs nicht wusste:

-Alta hat den einzigen Hafen in ganz Norwegen, der direkt neben dem Flughafen liegt
-über 38 Sportverein mit 6000 Mitglieden
-330km Schneescooter Loipe, das bedeutet, dass er mehr Wege für Schneemobile gibt, als für Autos
-nördlichster Kiefernwald der Welt
-Norgwens größtest und das nördlichste Eishotel der Welt (von Januar-April)
-größtes Schiefervorkommen in Westeuropa mit hoher Qualität
-einer der besten Lachsflüsse der Welt, berühmt unter Fischern. Das durchschnittliche Gewicht eines Lachses beträgt 10kg
-Niederschlag beträgt 340mm/Jahr. Berlin hat 2000mm/Jahr und die Sahara hat einen Niederschlag von 400mm/Jahr. Alta ist so trocken wie eine Wüste.
-die frühere, hölzerne Start/Landebahn des Flughafens wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum Widerbau der Stadt verwendet und einige Häuser wurden damit wiederaufgebaut

Fakten, die einladen den Norden zu besuchen. Auch wenn in Reiseführern über Norwegen die Region Finnmark oft nur zwei Seiten einnimmt.

Freitag, 9. April 2010

Norwegische Ostern- Norsk Påske









Kvikk Lunsj + Apfelsine + Skifahren = Ostern in Norwegen

Jeder typische Norweger hat es so letztes Wochenende gemacht. Hinaus in die Berge mit Kind und Kegel dort Skigefahren, Apfelsine und Kvikk Lunsj gegessen und die Sonne genossen. Alta war ziemlich leer, da alle die eine Hütte besitzen dort waren, jedenfalls nicht in der Stadt. Grundsätzlich kann ich sagen, dass jede Familie eine Hütte besitzt, die in den Generationen weitergereicht wird. Dort vebringen sie dann das Wochenende gemeinsam, oder genießen über Ostern das intensive Skifahren.
Mein Osterfest war ein sehr spezielles und anderes dieses Jahr!
Es begann damit, dass ich Karfreitag und Ostersamstag gearbeitet habe, um mir später wegen eines wunderbaren Besuches von Freiwilligen aus dem Süden freinehmen konnte. In den Tagen vor Ostern ist es unglaublich warm geworden! Die Sonne wärmt so gut auf, dass ich seit 5 Monaten wieder ohne Strumpfhose eine Jeans anziehen kann! Der Schnee ist ziemlich matschig aber mittlerweile kaum noch verhanden. Es ging sehr schnell. Trotzdem wird sicherlich die ein oder andere Ladung Schnee noch kommen. Gestern saß ich den ganzen Tag draußen in der Sonne und habe die herrlichen Temperaturen genossen!
Ostersamstag ging es für eine Bewohnerin, Bernhard und mich nach Kautokeino. Dort findet jährlich ein Osterfestival statt! Kautokeino liegt im Landesinneren, 3Std Autofahrt von Alta entfernt. Es ist eine samische Stadt und das Osterfestival auch ein Bestandteil der samischen Osterfeiertage. So habe ich meiner samischen Bewoherin frühs geholfen in ihre Tracht zu schlüpfen, alle Broschen und Tücher an der richtigen Stelle festgemacht und im Blå-Bus ging es auf nach Kauto! Dort angekommen haben wir der Weltmeisterschaft im Rentierrennen mitgefiebert und mitgefroren. Die Rentiere und ihre Muschas rennen 1 km in 1.16min. Bis zum Ende haben wir nicht durchgehalten, da der Wind sehr kalt war. Stattdessen haben meine Bewohnerin und Ich uns zum shoppen aufgemacht. Samische Stände gab es überall, von Kleidung aus Rentierfell über Rentierfelle bis hin zu Rentierblut und Fleisch gab es einiges im Angebot. Letztendlich habe ich zusammen mit ihrer Beratung das beste Rentierfell ausgesucht, welches mir in der Zukunft viele Wanderungen erleichtern wird. Großer Bestandteil des Osterfestivals sind auch Konzerte, wie der Samische Grand Prix. Leider fand dieser Samstag Abend statt, wo wir alle sehr müde waren. Es war ein sehr lustiger und spannender Ausflug, nicht zuletzt wegen meiner herzlichen Bewohnerin.
Ostersonntag haben wir Besuch von drei Freiwilligen aus dem Süden Norwegen bekommen. Mit wunderbaren Wetter hat sich Alta mit seiner schönsten Seite gezeigt! Ein Lagerfeuer auf einem Hügel am Fjord und ein Nordlicht haben Ostern wunderschön abgerundet. Das Nordlicht war bestimmt eins der letzten, da es mittlerweile sehr hell ist. Die Sonne geht um 04.52 auf und um 20.16 unter. Endlich habe ich rausbekommen, wie ich auch mit meiner Kamera Fotos des Nordlichts machen kann. Besser spät als nie, trotz ohne Stativ sind sie ganz gut geworden, wie ich finde.

Auf meiner Arbeit läuft es sehr gut. Mit einer Bewohnerin gehe ich Mittwochs zu zweit schwimmen, mit einem anderen Bewohner war ich bei einem ABBA Konzert- ich genieße es sehr! Zwei Tage die Woche arbeite ich im Dagsenter (Tageszenter), welches unter meiner eigentlichen Abteilung liegt. Dort kommen täglich Menschen mit psychischen Einschränkungen oder Drogenproblemen hin. Es ist eine sehr andere Arbeit als „oben“, da Konversationen mehr im Mittlepunkt stehen als Aktivitäten. Mich bereichert es ein wenig Abwechslung zu haben!
Ich genieße den Frühling in Alta und freue mich auf die ersten Blumen, die wahrscheinlich noch eine weile auf sich warten lassen..

Samstag, 20. März 2010

Campen bei -23°C

Eine verrückte Nacht

Eigentlich war es eine sehr spontane Aktion gestern Abend. Bernhards Arbeitskollege, aus Großbritannien, hat uns auf eine Camping Tour eingeladen. Das Wetter war relativ mild in den letzten Tagen und wir waren alle guter Hoffnungen. Ich habe mir das dickste angezogen, was ich besaß, aber diese Nacht war extrem!
Wir sind mit dem Auto 30min nordwerts von Alta gefahren und haben das große samische Zelt in der Wallachei aufgebaut. Umgeben von wunderschön,tanzenden Nordlichtern, die komplett den ganzen Himmel überzogen, und der ganze Himmel bedeckt mit Sternen, standen wir 30cm tief im Pulverschnee und haben ein Lagerfeuer gemacht. In den samischen Zelten ist es üblich ein Feuer im Zelt zu machen, da ich das wusste, konnte ich mir die Nacht auch nicht sooo kalt vorstellen. Nach einem leckeren Abendbrot, habe ich mich eingemummelt in meinen Schlafsack, 5 Paar Socken an, 7Lagen am Oberkörper und 3 an den Beinen. Rentierfelle unter und über mir haben wirklich sehr, sehr gut die Wärme isoliert! Das ist eine Sache, die ich gelernt habe: immer ein Rentierfell dabei haben, bei solchen Aktionen. Hoffend, nicht irgendwann auf Toilette zu müssen, bin ich wirklich eingeschlafen. Doch in der Nacht wurde es verdammt kalt. Es waren um die -23°C. Als wir dann frühs aufgewacht sind, war der Sonnenaufgang, der Schnee und die Einsamkeit unglaublich! Alle Zehen haben überlebt und alles in allem war es eine unglaublich Nacht, die ich nicht vergessen werde!